Geschichte

Die Geschichte meiner russischen Klavierausbildung

Bereits im Alter von fünf Jahren erhielt ich meinen ersten Klavierunterricht von meiner Mutter, selbst einer begnadeten Musikpädagogin. Mit sieben besuchte ich für sieben Jahre die Musikschule. Das Fach Klavier schloss ich mit der Bewertung „ausgezeichnet“ ab. Mit 15 begann mein Klavierstudium zunächst an der Fachakademie für Musik Ippolitow – Iwanow bei S. Reschetow (Abschlussnote: ausgezeichnet), um danach am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei Paul Messner (ehemaliger Schüler von E.  Gilels) und E. Richter (ehemalige Schülerin von H. Neuhaus) zu lernen. Ich schloss ab mit dem Diplom als Konzertpianistin, Klavierpädagogin und Korrepetitorin.  Die beiden Professoren waren zufälligerweise auch deutschstämmig, so wie meine Familie. Im Laufe der Studienjahre absolvierte ich Privatunterricht bei namhaften Klavierprofessoren wie J. Batuew, Th. Gutmann, J. Iwanow sowie Meisterkurse bei E. Malinin. Das 1995 an sie vergebene AUDI-Sponsor Stipendium empfand ich als große Auszeichnung und die Konzerte boten mir Gelegenheit, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und weiterzuentwickeln. In Deutschland konnte ich mein Klavierstudium bei Frau Professor Barbara Fry an der Musikhochschule Heidelberg – Mannheim fortsetzen.

Meine russischen Wurzeln:

Meine Familie entstammt der deutschen Familie Schell. Bereits im 18. Jahrhundert übersiedelte die Familie Schell auf Empfehlung der Zarin Katharina der Großen nach Russland. In dieser Zeit gründeten sich viele deutsche Dörfer mit deutschen Schulen, Kirchen und deutschem Leben. In solch einem deutschsprachigen Dorf wurde meine Urgroßmutter geboren.

Sie hatte eine sehr enge Bindung an die Kirche. Kirchliche Musik war für sie das höchste Gut, und selbst kirchliche Musik auf dem Harmonium zu spielen, bedeutete ihr viel.

Auch nach dem 2. Weltkrieg blieb es der Herzenswunsch der Urgroßmutter, die Liebe und Leidenschaft für das Klavierspiel an jemanden aus ihrer großen Familie weitergeben zu können. Sie verkaufte ihre einzige Kuh – was damals das Vermögen der Familie darstellte – um ein altes Klavier zu erstehen. Ihre Tochter Flora, meine Mutter sollte die erst neu geöffnete Musikschule besuchen. Damals wurden höchst talentierte Lehrer aus Leningrad in das Dorf verschleppt. Ein Glücksfall für Flora. Sie war so erfolgreich, dass sie später an der Fachakademie für Musik studierte und das Diplom als Klavierpädagogin und Korrepetitorin abschloss. Nebenher absolvierte sie erfolgreich die Pädagogische Hochschule in den Fächern Geschichte und Russische Literatur. Über 40 Jahre arbeitete Flora als Klavierpädagogin in Moskau und nach der Rückkehr der Familie nach Deutschland weiter in Leipzig. Ihre Leidenschaft übertrug sie auf ihre Tochter Katharina.

Beide besuchten also die sowjetischen Musikschulen mit ihren strengen Regeln und Strukturen in der UDSSR und arbeiteten später als Klavierlehrerinnen in einer Musikschule. Das Unterrichtskonzept in der UdSSR war außergewöhnlich leistungsorientiert:

In der Musikschule in Russland waren die Schüler verpflichtet folgende Fächer zu besuchen

  • zweimal pro Woche à 45 Minuten den Unterricht im Hauptinstrument
  • unbedingt einmal pro Woche Klavier als Nebenfach
  • einmal pro Woche 60 Minunten Musiktheorie und Solfeggio
  • einmal pro Woche Unterricht in Musikliteratur
  • einmal pro Woche 90 Minuten Chor
  • dazu kam noch das Ensemble- oder Orchesterspiel.

Jeder Schüler musste dieses differenzierte Programm mit steigenden Schwierigkeitsgraden vorbereiten. Alle Semesterprüfungen und jährlichen Examina mussten gemäß den Plänen auswendig gespielt werden: Etüden, Polyphonie, Sonatenform, zuletzt klassische und moderne Stücke.

Ab der 2. Klasse kamen jährliche Tonleiterprüfungen (Dur und Moll) und in der 7. Klasse noch das Ensemblespiel dazu. Ein ordentliches Pensum. Damals war es selbstverständlich nach dem Schulunterricht 3 bis 4 Mal pro Woche die Musikschule zu besuchen.